Wenn du deine sechsjährige Tochter zu trösten versuchst, weil doch die Silbermedaille ebenfalls eine wunderbare Auszeichnung ist und sie sagt unter Tränen „Mama, der Zweite ist der erste Verlierer…“ Dann weißt du, dass dein pädagogisches Konzept suboptimal ist und musst dir – möglichst zeitnah – was einfallen lassen.
Aber am nächsten Tag wirst du es vergessen haben, weil du gefühlt noch 32 andere Sachen auf dem Zettel und im Kopf hast.
10 Jahre später ist deine Tochter fünffache Landesmeisterin in Ihrem Sport. Sie ist gesund, eine gute Schülerin und begabt in Mathe und Musik. Die Welt liegt ihr zu Füßen. Denkst du.
Bist du eines Tages unsanft auf dem Boden der Realität landest. Wenn du feststellst, dass sie eine Essstörung hat, die bereits lebensgefährliche Dimensionen annimmt. Die Verzweiflung lähmt dich, deine Denkprozesse dauern länger als gewohnt und du brauchst auch ein paar Tage, um zu begreifen, was Anorexie wirklich bedeutet, ein Kampf, der für 12 % der Betroffenen – meistens Mädchen – tödlich endet. Du lachst und weinst mit deiner hübschen Tochter und verstehst es nicht, wieso sie so unglücklich mit sich selbst ist, nie zufrieden, immer überkritisch.
Mittlerweile leben wir mit der Gewissheit, dass es nie mehr so wird wie vorher. Die organischen Schäden, die durch die Anorexie entstanden sind hat der jugendliche Organismus mittlerweile überwunden. Meine Tochter hat es geschafft. Sie ist immer noch viel schlanker als andere junge Frauen, aber das ist ok. Hauptsache gesund.
Jedoch habe ich auf diesem Weg andere Eltern kennen gelernt, andere Familien, deren Kinder immer noch auf dem Weg zur Heilung sind, die es noch nicht (ganz) geschafft haben. Diesen Eltern möchte ich zur Seite stehen, mit all den Erfahrungen aus diesen schweren Jahren voller Angst. Gemeinsam mit der anderen Mama, Frau Anja Matthees möchte ich Ansprechpartnerin in den ganz dunklen Stunden sein und später die Erfolge feiern. Lassen Sie uns zusammen füreinander einstehen.


